Schonungslose Offenheit forderte der Referent von den Jugendlichen und sich selbst.


(hr) Ausreden hatte Frank Milbich in seinem Gespräch mit den Schülern im ersten Berufsschuljahr zum Anlagenmechaniker Sanitär Heizung Klima an der Gewerbeschule Bühl am Dienstagmorgen keine parat, er wählte nicht den einfachen Weg! Sein Vortrag erfolgte auf Einladung der Innung für Klempnerei- Sanitär- Heizung- und Klimatechnik Rastatt/Baden-Baden/Bühl, die großen Wert auf eine umfassende Allgemeinbildung ihrer künftigen Gesellen Wert legt. In Absprache mit der Schulleitung und dem Fachlehrer Eberhardt Brach finanziert die Innung neben einem Benimmkurs auch authentische Informationen zur Drogen- und Alkoholprävention.  Der seit neun Jahren „trockene Alkoholiker“ Frank Milbich (www.frankmilbich.de) diskutierte lebhaft mit den Schülern über seine bisher überstandene 25jährige Alkoholsucht. Dies war nur möglich, weil es ihm gelungen ist, in den vergangenen neun Jahren jedem Tropfen Alkohol aus dem Weg zu gehen. Wenn er „trocken“ bleiben will, müsse er sein Leben lang höllisch aufpassen, das weder im Kuchen, in der Sauce oder einem Mixgetränk Alkohol verarbeitet wurde. Selbst ein alkoholfreies Bier birgt die Gefahr eines Rückfalls!




Locker lehnte der Referent am Pult und fordert die Jugendlichen zu einem munteren Frage- und Antwort Spiel heraus. Er versprach ihnen, ehrliche Antworten und erwartet auch von ihnen absolute Ehrlichkeit. Seine erste Frage an die 29 Schüler war, welche Erfahrungen sie mit unmäßigem Alkoholgenuss gemacht haben. Diese wiederum interessierte brennend, wie es zu seiner Alkoholsucht gekommen ist, ob ihn keiner gewarnt und wie er den Absprung geschafft hat.

Er bekannte offen: Nein, eine Entschuldigung für seine Alkoholabhängigkeit hat er nicht. Bevor der Alkohol die Regie über sein Leben übernahm, hatte er eine behütete Kindheit, war sportlich  als Handballer in der südbadischen Auswahl erfolgreich, als Energieanlagenmechaniker beschäftigt, in einer festen Beziehung und stolzer Vater eines Sohnes.

Rückblickend muss er zugeben, begonnen hat alles im Alter von 15 Jahren im Verein. Nach einem sportlichen Erfolg beim Fuß- oder Handball wurde jeder Sieg mit einem „Humpen“ gefeiert. Anfänglich war dieser mit Spezi, dann mit Cola-Bier, es folgte Bier, Weinschorle, Wein und Asbach gedopt. Da es immer so war, dass derjenige, bei dem der leere Humpen ankam den nächsten zahlen musste, hatte sein rechter Nachbar immer schlechte Karten. Egal, wie viel noch im Humpen war, er habe ihn leer getrunken. Die Kumpels applaudierten, ich dachte ich bin der Coolste - heute weiß ich, ich war der Verlierer.

Obwohl die „Abstürzte“ immer öfter kamen, er oft neben ihm unbekannten Frauen aufgewacht ist, konnte er viele Jahre seine Alkoholsucht kaschieren. In der Halbzeitpause schnell einen Flachmann reingezogen, morgens statt Kaffee zwei drei Schnäpse trinken und schon wurde das Zittern weniger, ging es ihm besser. Langsam schleichend habe der Alkohol sein Leben bestimmt. „Sein“ Alkohol war ihm lieber als ein Probetraining bei einem Bundesligaverein. Trotz Einladung und Aussicht auf einen Profivertrag, hat er lieber einen getrunken, als nach Göppingen zu fahren.

Ob es keine Warnungen gegeben habe wollte ein Schüler wissen. Warnzeichen gab es genug. Als er seinen Arbeitsplatz verloren hat, zu keiner Party mehr eingeladen wurde, seine Sportkameraden sich darüber beklagten, dass er nach Alkohol rieche, er morgens durch das viele Erbrechen Blut spukte, mitten in der Wohnung auf dem Boden mit durchnässter Hose aufwachte oder seinen einjährigen Sohn auf dem Parkplatz vor einem Supermarkt vergessen hat. Normal denkende Menschen hätten darauf reagiert. Ihn hat seine langjährige Partnerin verlassen, weil er alle Jobs in den Sand gesetzt hat, musste er von Harz IV leben. Wie er davon die zuletzt drei Flaschen Schnaps täglich finanzieren konnte, wollten die Schüler wissen. Wie wohl, durch Diebstähle in diversen Supermärkten, so seine nüchterne Antwort. Fragen zu Nikotinsucht oder andere Drogen könne er nicht beantworten. Beides habe er nie versucht.

Den Absprung habe er geschafft, weil seine Mutter ihn zum Arzt geschleppt hat, dieser ihm nach einer eingehenden Untersuchung eröffnete, dass er noch maximal 6 Wochen zu leben habe, wenn er nicht sofort mit einer Entziehung beginne. Er könne sofort einen Platz in eine Entzugsklinik antreten. Er lehnte dies ab. Eine Entziehungskur brauche ich nicht. Ich lasse mich nicht 6 Monate wegsperren! Resigniert sagte sein Arzt darauf, dass er dann seinem mittlerweile fünfjährigen Sohn bei der Einschulung halt sagen muss, dass sich sein Vater zu Tode gesoffen hat. Dies war sein Schlüsselsatz. Dieser habe ihn so aufgerüttelt, dass er ohne medizinische Hilfe einen kalten Entzug durchgezogen hat. Es ist unbeschreiblich, wie sich sein Körper in dem folgenden Vierteljahr gegen den Entzug gewehrt hat. Durchgehalten habe er nur, dank der täglichen Besuche bei den Anonymen Alkoholikern in Karlsruhe. Dort habe er auch erfahren, dass seine Alkoholsucht nichts – wie er befürchtet hatte - mit seiner mangelnden Schulbildung als Volksschüler zu tun. Bei den Anonymen Alkoholikern hat er Professoren und Doktoren kennen gelernt, die wie er, alkoholsüchtig waren.

Obwohl er jetzt acht Jahre trocken ist, weiß er, dass jeder Tropfen Alkohol seinen Rückfall bedeuten kann. Nur mal ein Bierchen, das geht nicht. Er kennt keinen, der dies geschafft hätte. Er macht um jede Torte, Sauce oder Getränk einen großen Bogen, wenn er nur den Verdacht hat, es mit Alkohol abgeschmeckt wurde. Bei einem Bekannten hat ein Glas Sekt zu Silvester ausgereicht. Er ist noch in der gleichen Nacht zur  Tankstelle gefahren und hat sich mit Schnaps „abgeschossen“. Er geht offen mit seiner ehemaligen Alkoholsucht um, hat wieder einen regelmäßigen Kontakt zu seinem Sohn, hat sein Leben wieder fest in die Hand genommen und wird von den Freunden wieder eingeladen. Dankbar sei er, dass er viel Glück in seinem Leben gehabt hat. Den Führerschein habe er nie verloren, er sei nie bei seinen Diebstählen erwischt worden, er habe keine für Alkoholiker typischen epileptischen Anfälle bekommen und es sind bis heute keine gesundheitliche Folgen zurück geblieben. Er ist aber fest überzeugt, dass er zu den bundesweit drei Prozent trockenen Alkoholikern gehört, die es lebenslang ohne Rückfall schaffen. Hier helfen ihm die wöchentlichen Besuche bei den Anonymen Alkoholikern.